Kochlust – Mit Leidenschaft…

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Lust auf ein Leben ohne Entsagungen

Foto: Dr. Sabine Voermans - Leiterin des TK-Gesundheitsmanagements

Im Interview:
Dr. Sabine Voermans

Frau Dr. Voermans ist Ärztin und
leitet bei der Techniker Krankenkasse
das Gesundheitsmanagement.

Frau Dr. Voermans, jeder zweite Deutsche ist zu dick, in Amerika sind es sogar zwei von drei Menschen – Tendenz steigend. Werden wir zu einem Volk der Übergewichtigen und müssen wir künftig in einer Dauer-Diät ohne Spaß am Essen leben?

Dr. Voermans: “Es muss sich etwas ändern – das stimmt sicher. Allerdings braucht man vielen Ernährungssünden nicht hinterherzutrauern. Wir wollen zeigen, dass eine Ernährung, die alle Sinne anspricht, am Ende auch noch gesund ist.”

Mit Müsli und Vollkorn zum Genuss? Sie scherzen…

Dr. Voermans: “Viele Lebensmittel sind zu Unrecht negativ belegt und oft malen die unterschiedlichen Lager entweder nur schwarz oder nur weiß: Vollkorn, Müsli und Bratling gelten für viele als Genussvernichter, aber gesund, während Pommes, Currywurst und Hamburger für viele unverzichtbare Bestandteile ihres Alltags sind, aber dick machen.
Es geht uns darum, die Mitte zu finden. Menschen darin zu bestärken, ihren eigenen Weg zum Genuss zu finden und erst am Ende die Frage zu stellen: “Wieviele Kalorien kostet mich das?”
Viele Industrieprodukte sind doch bereits weit davon weg, unseren Geschmackssinn wirklich zu bereichern. Es gibt sie, weil sie leicht verfügbar und bezahlbar sind. Nehmen wir zum Beispiel einen einfachen Käse aus der Theke: Ein eingeschweißter Gouda fast ohne Geschmack lässt sich an viele Menschen verkaufen – ein reifer Käse ist in der Herstellung aufwändiger und nicht jedermanns Sache. Dabei bedienen solche industriellen Produkte vielfach gerade einmal unsere Ur-Instinkte – unseren Hunger nach Salzigem, Fettigem oder Süßem.”

Woher kommt das eigentlich, dass unsere Ernährungsgewohnheiten oft ungesund sind?

Dr. Voermans: “Mit jedem Jahr steht uns mehr Technik zur Verfügung, die uns die Arbeit abnimmt und zur Bewegungslosigkeit verführt. Seit den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat sich diese Entwicklung immer weiter verstärkt. Früher waren es die großen Maschinen, die das Arbeitsleben erleichterten, später kamen immer mehr Geräte für den Haushalt hinzu. Und die Entwicklung geht weiter: Vor wenigen Jahren musste man zum Beispiel die Urlaubsfilme noch selbst in den Laden tragen und auch wieder abholen. Heute genügt ein Klick, während man vor dem Computer sitzt, und die Bestellung ist verschickt. Nicht einmal mehr die Post muss zum Briefkasten getragen werden. Rasenmäher haben heute einen Antrieb, Wäschetrockner ersparen das Aufhängen und Fernbedienungen das Aufstehen.
Gleichzeitig haben wir aber die Ernährungsgewohnheiten angenommen, die uns unsere Eltern in einer frühen kindlichen Phase vorgelebt haben. So kann es kommen, dass heute dick macht, was früher die Alltagsbelastungen ausgeglichen hat. Grob vereinfacht kann man sagen, dass Ernährungsgewohnheiten häufig eine Generation zurückhängen. Manchmal überträgt sich das Verhalten aber auch über mehrere Generationen – und wenn Omas deftige Küche zu übergewichtigen Kindern geführt hat, haben diese oft auch wieder übergewichtige Kinder.”

Foto: Zeit für Genuss - Foto: Techniker Krankenkasse
Zeit für Genuss
Je schnelllebiger die Zeit, desto eher bleibt auch der Genuss auf der Strecke. Der TK-Tipp: Zeiträuber wie die Daily-Soap einschränken, stattdessen bewusster leben.
Foto: Techniker Krankenkasse

Warum essen wir eigentlich ungesunde Sachen so gern?

Dr. Voermans: “Süßes und Fettes sind schnelle Belohnungen für den Körper – das war schon in der Steinzeit so und damals überlebenswichtig. Gerade in Zeiten mit körperlicher Belastung oder bei Stress kann man sich heute mit käseüberbackenen Brötchen, Pommes, Süßigkeiten, Kuchen oder auch Alkohol schnell eine ‘Erleichterung’ verschaffen. Doch im Gegensatz zur Steinzeit brauchen wir einerseits weniger Kalorien, andererseits ist unser Geschmacksinn an die Vielfalt der heute verfügbaren Aromen gewöhnt. Es wird also nur ein Urtrieb befriedigt – echter Genuss entsteht dabei kaum.”

Also darf man all diese Sachen gar nicht konsumieren? Das wäre
ja doch ein Verzicht!

Dr. Voermans: “Es spricht doch gar nichts dagegen, den Körper nach einer Anstrengung zu belohnen – von mir aus auch mit einem Stück Schokolade oder einer Bratwurst. Wichtig ist nur, dass die Balance stimmt.
Bleiben wir beim Beispiel mit der Bratwurst: Ein Gerüstbauer, der gerade Mittagspause hat, muss ja seine verbrauchten Kalorien ersetzen. Aber wenn Sie sonnabends vor dem Supermarkt zwischen Frühstück und Mittagessen schnell noch eine Bratwurst essen, reicht die Beschäftigung des Einkaufens nicht aus, die rund 350 Kilokalorien wegzubekommen. Dafür müsste man eine halbe Stunde joggen.”

Ernährung und Sport - Grafik: Techniker Krankenkasse
Ernährung und Sport
Wer sein Gewicht auch langfristig halten möchte, sollte regelmäßig Sport treiben. So wird der Stoffwechsel angekurbelt und das Muskelgewebe nicht abgebaut.
Grafik: Techniker Krankenkasse

Also bleibt der Genuss künftig auf der Strecke?

Dr. Voermans: “Das muss nicht so sein. Es würde schon genügen, wenn jede Kaloriensünde wenigstens bewusst geschieht. Häufig ist es ja so, dass Nahrungsmittel buchstäblich im Vorübergehen aufgenommen werden – man hat also gar nicht das Geschmackserlebnis, das man sich eigentlich erhofft. Aus Studien wissen wir, dass gerade junge Menschen immer häufiger zu Fastfood greifen. Und Fastfood meint ja leider nicht nur die schnelle Verfügbarkeit, sondern in aller Regel auch: schnell heruntergeschlungenes Essen. Da ist gar kein Raum für unterschiedliche Geschmackswahrnehmungen – viel Fett, Salz und Geschmacksverstärker gaukeln uns vor, wir hätten einen Genuss erlebt.”

Also ist Fastfood tabu?

Dr. Voermans: “Ich glaube, wer wieder auf den Geschmack frischer und natürlicher Lebensmittel kommt, wird gar nicht mehr so oft in die Versuchung kommen. Wer das Ziel hat, bei der Ernährung vielfältigeren Geschmack und mehr Genuss zu erleben, der wird von sich aus zu gesünderen Zutaten greifen.”

Ernährung und Sport - Foto: Techniker Krankenkasse
Lecker heißt nicht teuer
Ein scharfes Messer, ein Schneidbrett und etwas Gemüse der Saison – um ein leckeres Essen zu zaubern, braucht man frische Lebensmittel. Und wenn Weißkohl-Zeit ist, kann man für wenig Geld die ganze Familie bekochen.
Foto: Techniker Krankenkasse

Viele Menschen sagen, dass sie sich solche Lebensmittel nicht
leisten können….”

Dr. Voermans: “Das sagen oft diejenigen, die pro Woche viermal und öfter zu teurerem Fastfood oder Fertiggerichten greifen, wie eine unabhängige Studie herausgefunden hat. Seinen Ernährungsalltag in Richtung Genuss aufzupeppen, dazu braucht es weder viel Geld noch viel Zeit. Es erfordert nur, dass Ernährung im Bewusstsein der Menschen wieder einen höheren Stellenwert einnimmt. Denn wer würde sonst schon bei einem Thema, das alle fünf Sinne gleichzeitig anspricht, nebenbei fernsehen, ein Buch lesen oder weiterarbeiten?”

Frau Dr. Voermans, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Quelle: Techniker Krankenkasse

Eingestellt von Detlef Klemme - BLiCKpunkt Redaktionsbüro

Tipp: Weitere Informationen gibt es unter
www.tk-online.de bei der TK im Internet.
Die Broschüre “Ernährung” ist zudem kostenlos in allen TK-Geschäftsstellen erhältlich.

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