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Betrugsveranstaltung: Kaffeefahrt

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Am Anfang erscheint alles rosarot. Eine nette Busfahrt in eine schöne Gegend – und das für kleines Geld. Außerdem gibt’s ein Frühstück oder ein Mittagessen gratis. Zu schön, um wahr zu sein, denn: Was sich wie ein modernes Märchen liest, ist in der Realität meist eine miese Abzocke der Kaffeefahrten-Mafia. Wer sich gegen die menschenverachtenden Methoden zur Wehr setzen will, wird schnell zum Opfer. Ein Rentner aus Dresden, der bei einer Kaffeefahrt einfach an der Autobahn ausgesetzt wurde, kann davon ein Liedchen singen.Stein des Anstoßes war eine “Buchungs- und Versicherungsgebür” in Höhe von drei Euro, die der Sachse entrichten sollte. Seine Weigerung führte zur Eskalation und zum Ende der kostenlosen Shoppingtour. Statt am Wannsee landete der Rentner auf der A 13. Unglaublich aber wahr: Der Busfahrer hatte den Verweigerer kurzerhand aus dem Bus geworfen.

Mit Tricks und unseriösen Angeboten versucht eine ganze Branche vornehmlich ältere Menschen zu ködern. Beliebt sind neuerdings Gewinne, die sich die Beteiligten nur abholen müssen. Daraus wird dann nichts und die Reisenden müssen unsäglich lange Verkaufsveranstaltungen über sich ergehen lassen bei denen sie überteuerte Waren erwerben sollen. Mehrere tausend Euro wechseln so regelmäßig den Besitzer. Illegal, wie Verbraucherschützer nicht müde werden zu betonen. Denn: In der Regel sind derartige Reisen nicht als Verkaufsveranstaltung angemeldet. Dies ist aber zwingend erforderlich. Resultat: Auf den meisten Kaffeefahrten dürfte nichts verkauft werden. Fazit: Die Veranstaltung ist illegal.

Die Branche boomt trotzdem: Experten schätzen, dass im Jahr 2007 bei 100.000 Kaffeefahrten rund 500 Millionen Euro umgesetzt wurden. Die Gesetzeshüter sind machtlos. Zwar untersagt der Paragraph 661a des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) die unseriösen Machenschaften, geändert hat sich aber trotzdem nichts. Viele Opfer verzichten aus Scham oder Unkenntnis darauf, Rechtsmittel einzulegen. Ohne Rechtsschutzversicherung sind die Aussichten denn auch denkbar schlecht. Meist ist schon eine Meisterleistung erforderlich, um den Unternehmenssitz der Veranstalters derartiger Reisen zu ermitteln. Zu teuer, zu risikoreich für die Geschädigten. Die Folge: Sie verzichten vernünftigerweise auf eine Klage. 

Ratschlag der Verbraucherzentrale: Verzichten Sie auf Kaffeefahrten. Und wenn Sie unbedingt mitreisen möchten, dann lassen Sie größere Mengen Bargeld zu Hause. Gleiches gilt für Kreditkarten. Wer unbedingt etwas kaufen möchte, der sollte grundsätzlich darauf achten, dass auf dem Kaufvertrag Name und Adresse des Verkäufers stehen. 

Jürgen Ponath

Jürgen Ponath | textpoint Redaktionsbüro

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6 Reaktionen zu “Betrugsveranstaltung: Kaffeefahrt”

  1. Andreas Klisch

    Der Antispam e.V. hat den BDV (Bundesverband Deutscher Vertriebsfirmen) in einem offenen Brief zu einer Stellungnahme aufgefordert und die Aufstellung eines Verhaltenskodex für Verkaufsfahrten vorgeschlagen.

    Nachzulesen unter:
    http://www.antispam.de/

    Antispam e.V.
    Hämmern 1
    51688 Wipperfürth

  2. Thomas Wiegand

    Die Reaktion des BDV war abzusehen, oder weiss jemand nicht welche Geschaeftsfuehrer bzw. Mitglieder der Bund bisher so hatte (und hat) und welche Funktionen die noch so innehaben ?

    Es bleibt daher weiter die Notwendigkeit:
    - so bald wie moeglich vor neuen Gewinnbriefen zu warnen (Melden Sie also Ihre Briefe !)
    - so viel wie moeglich ueber das Umfeld (Busunternehmen, Gaststaette und Produzenten) zu erfahren,
    um
    - doch das eine oder andere Mal erfolgreich gegenhalten zu koennen.

    Gruesse
    Thomas Wiegand

  3. Michael Lemken

    In Dortmund ist das Ordnungsamt einem Veranstalter auf die Füße gestiegen, der sich mit der neuen EU-Dienstleistungsrichtlinie besonders geschickt anstellen wollte…

    Artikel unter: http://michael-lemken.de/wordpress/?p=205

    Viele Grüße aus Dortmund
    Michael Lemken

  4. I. Fetzer

    EINE WUNDERSAME HEILUNG
    „Ich bin ´ne Reisetante“, pflegte Hedy Kluge zu sagen. Als ihre Freundin sie mit einer Frühjahrsreise lockte, schüttelte sie dennoch den Kopf. „Hamburg? Bei dem Schmuddelwetter? Nee! Von´ne Reeperbahn kann ich´n Lied sing´n.“ Doch die Reise war seit Monaten gebucht, der Reisepartner leider erkrankt. Also ließ Hedy die Skepsis fahren und nahm seinen Platz ein. „Auf nach Hamburg und ins Alte Land!“

    Kaum in Hamburg, erfuhr Hedy, das Hotel läge in Billstedt, einer unsicheren Gegend. Doch vor dem Einchecken sei das Ausflugspaket zu buchen. Hedy meinte, nicht richtig zu hören, denn die Reisenden redeten irritiert durcheinander. „Ausflugspaket?“ Damit hatten sie nicht gerechnet. Doch die nette Reiseleiterin unternahm sogleich eine Sonderfahrt zur Bank. Danach kassierte sie ein. Wer nicht zahlte, bekam, weil alles „freiwillig“ war, keinerlei Informationen. Hedy hätte zwar lieber eine Wahl gehabt, aber es war eine Seniorenreise. Also vermutete sie, der Veranstalter wolle ihnen alles abnehmen (nicht nur das Geld, sondern auch die Entscheidungen).

    Je mehr Hedy bei der Fahrt ins Blaue erlebte, je bunter wurde es. Ausflüge erfolgten ohne Aussicht auf einen Reiseleiter und zur Pflege der Füße lediglich im Vorbeifahren. Die Reise ins Alte Land entpuppte sich als Fahrt auf einen Apfelhof, wo Lager- und Kühlhallen zu besichtigen und landesübliche Produkte zu kaufen waren. „Woll´n die mich veräppeln? Ne Werbefahrt stand nicht auf´m Programm!“ Stunden später sah Hedy schwarz. Die absolute Krönung der schönen Reisewelt war eine sogenannte Kaffeefahrt. Doch Kaffee gab es nicht, als sie über Stunden sprachlos einem Werbesprecher folgte, der pausenlos redete.
    „Da wird Sie geholfen“, zitierte sie, denn der Werbeversprecher hatte ein Mittel gegen alle Gebrechen – von Herzeleid bis Krebs.
    „Kosten: 1.798 €. Nur heute! Nur für Sie! Nur 1.298 €! Fast geschenkt!“, verkündete er. Jetzt war Hedy ganz Ohr. Hatte der Mann nicht recht, wenn er sie beschwor?: „Was tun die Politiker? Nichts. Krankenkassen sparen sich gesund. Der Onkel Doktor hat keine Zeit, sagt ´psychosomatisch´ und verschreibt Ihnen irgendein Mittel mit Placeboeffekt.“
    „Psychosomatisch“, dachte Hedy, „hat mein Arzt auch gesagt, als ich so schlecht schlief.“
    „Bedenken Sie, was Sie sparen: Kosten für Ärzte, Medikamente und Praxisgebühren für zehn Jahre! Stimmt´s!? Ja oder nein? …“ Einige nickten. Andere waren eingenickt.
    „Wenn es wirklich gegen Krebs hilft“, überlegte Hedy, der freie Radikale, Antioxidantien, OPC, CVG, Vitamine und Q10 im Kopf herumwirbelten, „muss ich die Summe irgendwie aufbringen.“

    Immerhin verstand sie, dass dieses Mittel eigentlich dreimal so teuer sein müsse, weil Q10 durch OPC 10-fach wirksamer wäre. Folglich war sie froh, vom vielbegehrten, schon fast vergriffenen Mittel, für 1.298 € gerade noch eine Packung zu ergattern.
    Dass sie dieses Wundermittel für den Bruchteil der Summe in jeder Apotheke kaufen könnte, erfuhr sie leider erst daheim. „Und über die Wirkung streit´n sich die Götter“, schniefte sie ins Taschentuch. „Die hab´n mich für dumm verkauft!“
    Doch sie hatte Glück im Unglück. Denn kaum besaß das Reisebüro ihre Anschrift, bekam sie merkwürdige Handzettel mit Gewinnversprechen, zugestellt von einer Postkastenfirma. „Eindeutig Kaffeefahrten! Wenn das kein Zufall is´!“
    Zudem erfuhr Hedy, dass der mehrmals gerichtlich verklagte und verurteilte Reiseanbieter seit Jahren auf der schwarzen Liste der Verbraucherzentrale Hamburg stand.
    „Unglaublich! De Postkastenfirma FFO Service-Büro macht Kaffeefahrten. Schöne FFO Welt ´verkauft´ se als Reisen. Nich´ mit mir!“
    Zum guten Schluss machte Hedy Kluge ihrem Namen alle Ehre und nutze das Widerrufsrecht gemäß § 355 BGB. Dieses Mittel wirkte wahre Wunder, denn seither schwört sie: „Ich bin geheilt!“

  5. Mario

    Was mich am Thema “Kaffee-Fahrten” wundert ist die Tatsache, das diese nach wie vor durchaus beliebt sind, aller Horrormeldungen und -geschichten zum Trotz. Warum ist das so?

  6. Chris Wilhelm

    Diese Reaktion des BDV ist meiner Ansicht nach mehr als verständlich. Aus Erzählungen von Bekannten kann ich das komplett nachvollziehen!

    Leider wird hier die Gutmütigkeit von vielen Senioren sehr schamlos ausgenutzt und ich finde das persönlich sehr traurig und schlimm!

    Viele Grüße,

    Chris Wilhelm

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