Umstrittene elektronische Gesundheitskarte

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Mehr Mitsprache, mehr Qualität, mehr Effizienz – unter diesem Motto bringt das Bundesgesundheitsministerium die sogenannte elektronische Gesundheitskarte an den Start. Sie löst die bis dahin gültige Krankenversicherungskarte ab und soll durch Vernetzung zu einer verbesserten Patientenversorgung und –behandlung sorgen. Nicht weniger als eine optimierte Kommunikation, eine wirkliche Kostensenkung und die Stärkung der Patientenrechte will das kleine Plastikkärtchen im Scheckkartenformat erreichen. Ein integrierter Mikroprozessorchip soll’s möglich machen. Die Krankenkassen haben erklärt, dass sie in der Startregion Nordrhein ab dem 1. Oktober 2009 damit beginnen werden, elektronische Gesundheitskarten an ihre Versicherten auszugeben. Die Vorbereitungen hierzu laufen bereits.

Die elektronische Gesundheitskarte ist der Ersatz für die Krankenversicherungskarte und dient als Versicherungsnachweis. Sie berechtigt zur Inanspruchnahme von ärztlichen Leistungen. Auf einem in der Karte integrierten Mikroprozessorchip werden Informationen abgespeichert. Zusätzlich bietet die neue Technik die Option, die elektronische Gesundheitskarte nach und nach mit neuen Funktionen auszustatten, die weit über die Möglichkeiten der Krankenversicherungskarte hinausgehen.

Die gespeicherten Informationen splitten sich in einen Pflichtteil und einem freiwilligen Teil auf. Zum Pflichtteil zählen zum Beispiel Name, Geburtsdatum, Geschlecht und Anschrift. Weiterhin finden sich Angaben zur Krankenversicherung und zum Versicherungsstatus auf der Karte. Zur leichteren Identifikation wird die neue Karte bei Personen über 15 Jahren mit einem persönlichen Foto des Versicherten ausgestattet. Ausnahmen gibt es zum Beispiel bei pflegebedürftigen Menschen (Schwerstfälle). Das elektronische Rezept zählt auch zu den Pflichtanwendungen. Außerdem ist die elektronische Gesundheitskarte von Beginn an für die Aufnahme der Europäischen Krankenversicherungskarte (EHIC, European Health Insurance Card) ausgerüstet.

Auf Wunsch des Versicherten werden auf dem Mikroprozessorchip der elektronischen Gesundheitskarte auch medizinische Daten gespeichert. Diese könnten Ärzte im Notfall mit Informationen versorgen, die lebensrettend sind. Auf freiwilliger Basis finden auch verordnete Arzneimittel auf der Karte Platz, um so die Gefahr von Wechselwirkungen zu reduzieren. Um den Überblick der gespeicherten Informationen zu behalten, besteht für die Versicherten die Möglichkeit, die abgespeicherten Daten ausdrucken lassen.

Experten stehen der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte durchaus skeptisch gegenüber. Sie kritisieren die hohen Investitionen bei der Einführung der Karte. Nach eigenen Angaben des Bundesgesundheitsministeriums könnten die Kosten bis zu 1,4 Milliarden Euro betragen. Die unabhängige Unternehmensberatung Booz Allen rechnet mit anderen Zahlen. In den kommenden fünf Jahren könnte das elektronische Plastikkärtchen bis zu 5,2 Milliarden Euro verschlingen. Die erstmalige Ausgabe der Karte koste zusätzlich weitere 500 Millionen Euro. Pessimistische Schätzungen gegen sogar von noch höheren Kosten aus. In den ersten neun Jahren nach Einführung der elektronischen Gesundheitskarte könnte die Scheckkarte rund 14 Milliarden Euro kosten. Zweifelhaft sei auch die Individualisierung per Passbild, so die Kritiker der Gesundheitskarte. Eine Überprüfung ob die Bilder mit den versicherten Personen übereinstimmen, sei nämlich gar nicht vorgesehen. Das Computerportal Heise berichtet zudem von Problemen bei der Verschlüsselung der Testkarten. Die für den Test zuständige Projektgesellschaft Gematik spielte den Vorfall herunter. Betroffen seien nur einige hundert Testkarten. Unterdessen berichten Ärzte von Problemen mit der Technik und von Software-Inkompatibilitäten.

Wichtige Änderungen im Überblick:

• Die elektronische Gesundheitskarte erhält ein Lichtbild.

• Sie trägt eine neue Krankenversicherungsnummer des Versicherten und ist lebenslang gültig – auch beim Wechsel der Versicherung.

• Der Krankenversicherungsschutz kann online überprüft werden.

• Das Rezept auf Papier wird durch eine elektronische Variante ersetzt.

• Medizinische Daten sind mit einer PIN geschützt.

• Medizinische Daten sind so kodiert, dass Arzt und Patient dem Lesewunsch zustimmen müssen.

• Die Möglichkeit der Kartensperrung bei Verlust ist vorgesehen.

Jürgen Ponath

Jürgen Ponath | textpoint Redaktionsbüro

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